Ohne wirkliche Suche entdeckte ich einen Schatz. Manchmal hilft es, seine eigenen Bücherbestände einmal wieder zu sichten – und zack taucht das eine oder andere Goldstück auf, das ein bisschen durch das Gedächtnis-Sieb gefallen war.
So ging es mir, als ich in dieser Woche wegen diverser Zipperlein einen Gang zurückschaltete und zwei Tage am Schreibtisch zu Hause arbeitete. Bei jeder Espresso-Pause stöberte ich im Bücherregal und auch in Bücherstapeln, die irgendwie aus meinem Gesichtsfeld verschwunden waren.
Unter anderem stieß ich auf ein Werk von Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication an der Universität St. Gallen und Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikations-Management: Das Glück der Unerreichbarkeit – Wege aus der Kommunikationsfalle.
Das tägliche Hamsterrad, wir alle kennen es zur Genüge: Im Auto neben der Fahrt telefonieren, außer dem Gespräch auch noch die Anweisungen aus dem Navi beachten, über den Tag noch simsen, Handy-Telefonate führen, ein paarmal schnell den Laptop öffnen und nach den Mails schauen – und selbst am Wochenende oder gar in trauter Freundesrunde immer die Antennen ausfahren, dass ja jede von außen kommende Botschaft sofort registriert wird. Diese höchst freiwillige Selbstversklavung bringt nicht wenige soweit, dass sie nervlich fix und fertig sowie völlig ausgebrannt sind.
Miriam Meckel überschreibt ein Kapitel so: Technisch erreichbar, sozial isoliert. Das ist der Knackpunkt des Ganzen. Zwar pflegt man Dutzende, ja Hunderte Kontakte “irgendwie”, doch verkümmern quasi nebenher die persönlichen Kontakte, die Ruhepole im Freundeskreis, auch dieses Sich-auf-Menschen-Einlassen und sich den andern widmen, ohne auf die elektronischen Begleiter zu hören oder zu schielen. Der Kernsatz dazu von Miriam Meckel: Wer immer erreichbar ist, ist eigentlich für nichts und niemanden wirklich da.
Ich maile, also bin ich. Jede SMS, jedes Telefonat und jede E-Mail sei ein Signal: da ist jemand, der an mich denkt, der mit mir in Kontakt treten und meine Aufmerksamkeit möchte: “Aufmerksamkeit ist die neue Währung unserer Zeit.” Die Lösung unserer Probleme, so Miriam Meckel, sei so simpel wie effektiv: die kluge Unerreichbarkeit. Spannend schildert die Autorin, was in unserem “modernen” Alltag kommunikationstechnisch abgeht. Ihr Zwischenfazit unter Benutzung von aus dem Englischen übernommenen Schlagworten: “Wir sind overnewsed und underinformed. Wenn Datenquantität und Informations-Qualität auseinanderklaffen, versinken wir im Treibsand der Daten.”
Zwischendurch hier der Buchumschlag:

Miriam Meckel zitiert öfter schlaue Menschen wie den US-Psychologen Edward Hallowell, Spezialist für Informationsflut und menschliche Überlastung: “Es ist nicht das Videospiel, das dein Hirn zerrüttet, es ist das, was du wegen des Spiels nicht tust…”
Bei Käufen aller Art sei es so wie bei den Informationen: es fällt schwer, eine Entscheidung zu treffen. Die Autorin nennt es “Die Tyrannei der Wahl”. “Der Mensch ist in seinen Entscheidungen nicht durch und durch vernünftig: er ist beschränkt. Deshalb trifft er keine optimalen, sondern für ihn angemessene Entscheidungen.”
Absolut bestätigen kann ich Miriam Meckels überspitzte Aussage: Bei Wissensarbeitern wird im normalen Berufsalltag nicht mehr die Arbeit durch die E-Mail, sondern das Mailen durch die Arbeit unterbrochen! Nicht mehr als zehneinhalb Minuten seien den einzelnen größeren Arbeits-Einheiten gewidmet, weil wir dazwischen uns selber unterbrechen oder aber von anderen unterbrochen werden. Eine Folge davon: es steige die Fehleranfälligkeit und es sinke die Kreativität.
Aus der Balance käme man, weil Berufs- und Privatleben verschwimmen und immer mehr verzahnt würden. So würden Arbeitsprozesse zerstückelt, Teile davon an unterschiedliche Orte und Zeitspannen verlagert.
Im Buch finden sich “Grundregeln der gezielten Unerreichbarkeit” und auch ein Fazit der Autorin, worum es wirklich gehe: “Sich intelligent treiben zu lassen, nicht stupide getrieben werden, ob durch andere oder durch sich selbst.” – “Was ist daran so verwerflich, einfach einmal sinnlos vor sich hinzustarren und die Gedanken schweifen zu lassen?”
Nicht Nestwärme suchten die Menschen heute, sondern “Netzwärme”. Und deshalb seien die Maschinen auch stets präsent: “Das mobile Kommunikationsgerät beansprucht mindestens das gleiche Recht auf Beachtung seines Besitzers wie das persönliche Gespräch.”
Das Fazit des Buches: wir müssen Prioritäten setzen und wir brauchen einen Informations-Mix. Statt alles zu bekommen, das auf dem Informationsmarkt erhältlich sei, müssten wir uns auf die Verarbeitung wichtiger Informationen konzentrieren. “Dabei sollten wir gelegentlich die Medien wechseln, nicht nur im Netz surfen, sondern auch mal ein Buch lesen, vor allem aber die eigenen Informationen und Interessen im persönlichen Gespräch vertiefen und abgleichen.”
“Wir dürfen abschalten. – Niemand muss immer erreichbar sein!”
Jeder, der das Buch durchliest, fühlt sich immer mal wieder “ertappt”. Genau deshalb hilft das aber, die eigenen Kommunikations-Rituale zu reflektieren und gegebenenfalls zu ändern. Für mich persönlich boten die beiden etwas gemächlicheren Arbeitstage die Chance, das Buch von Miriam Meckel erneut zu entdecken und mir die von mir vor Jahren mit Bleistift hervorgehobenen Textstellen im Kopf wieder ein Stück nach vorne zu holen. Auch nicht schlecht.
Miriam Meckel
Das Glück der Unerreichbarkeit
Murmann-Verlag
ISBN 978-3-86774-002-9
18 Euro
Als Taschenbuch bei Goldmann 8,95 Euro
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und jede Menge Muße!
Ihr Ulrich Schweizer ulrich.schweizer@konradin.de www.malerblatt.de www.malerblatt-wissen.de www.twitter.com/malerblatt http://www.facebook.com/malerblatt.wissen?sk=wall